Wie wir sterben. Ein Ende in Würde? – Sherwin B. Nuland

„Alt werden ist nichts für Feiglinge“ So stand es auf einer Geburtstagskarte zum 75. Geburtstag, die ich neulich in einem Zeitungsgeschäft gesehen habe.

wie wir sterben

Sterben noch weniger. Das Buch von Sherwin B. Nuland ist auch nicht geeignet für Feiglinge. Denn es ist ein schockierendes Buch über das Sterben. Nuland reißt den Schleier aller Illusionen und Verklärungen herunter und übrig bleibt die nackte medizinische Wahrheit. Als Arzt und Medizinhistoriker beschreibt Nuland wie Sterben in der heutigen Zeit funktioniert. Krankheit und Sterben gehen nur allzu oft Hand in Hand. Und auch wenn eine natürliche Alterung stattfindet, so wird uns der Tod, auf seine einzigartige Weise nicht unberührt lassen, denn es gibt ein Programm in uns, welches zwar von Generationen von Ärzten, Wissenschaftlern und Forschern versucht wurde und wird zu entschlüsseln, aber bisher noch ohne Erfolge. Wir können Schmerzen lindern, Symptome beseitigen, Krankheiten beeinflussen, aber nicht den Tod. Der medizinische Tod ist nach Nuland gekennzeichnet durch die sieben apokalyptischen Reiter, woran durchschnittlich 85% aller Senioren sterben: Arteriosklerose, Bluthochdruck, Altersdiabetes, Fettleibigkeit, Formen seniler Demenz wie Alzheimer &Co, Krebs und geschwächte Immunabwehr. Und bei vielen Menschen kann man schon Jahre oder Jahrzehnte vorher beobachten, wie einer oder mehrere Todesengel sie täglich begleiteten.

Aber damit nicht genug, denn dem Autor gelingt es den Leser von einer distanzierten Zuschauerperspektive in eine Situation der eigenen Betroffenheit hinein zunehmen. Und dadurch wird aus der eigenen Lebensweise, der eigene Sterbeprozess. Eine persönliche Antizipation es eigenen Sterbeprozess, auf der Grundlage der Beschreibung, der derzeitigen Lebensweise, mit den entsprechenden Konsequenzen, führt zu einer tiefen und bewegenden Teilnahme am Buch und auch am Sterbeprozess der beschriebenen Beispiele. So kann und wird es uns mit hoher Wahrscheinlichkeit allen gehen, die so leben, wie wir leben; jeder auf seine Weise. Dies Position wird unterstrichen von einer detaillieren Beschreibung, was im Körper für Prozesse ablaufen, die von einer Krankheit dann genau in den Tod führen. Dabei nimmt Nuland kein Blatt vor den Mund und seine Beschreibungen gehen somit im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut.

Ich habe schon viele Krimis und Horrorgeschichten gelesen, aber bei diesem Buch, hat es mir durch den Bezug zur eigenen individuellen Sterblichkeit, ausgehend von der derzeitigen und jahrelangen Lebensweise einen wirklichen Ruck versetzt. So wie wir Leben werden wir sterben und auch Medikamente oder Tabletten übertönen lediglich die Symptome. An eine Heilung eines kranken Herzens durch Tabletten oder Schrittmacher ist nach dem Buch nicht mehr zu denken, wenn die Lebensweise nicht verändert wird. Nuland umfasst alle Themen wie Menschen sterben, von Krebs über Herzerkrankungen, Aids, Mord, Selbsttötung und senile Demenz. Dabei werden auch ethische Fragen der Sterbehilfe kurz gestreift.

Mit diesem Buch wird allen verklärten esoterischen Theorien der Boden unter den Füßen weggezogen. Hier ist sterben, real, anfassbar, messbar, fühlbar, ja sogar grausam in Hinblick auf eine Perspektive des Verfalls, der Verwesung im und am Lebendigen. Beim Lesen habe ich mich oft an meinen Garten und meinen verzweifelten Kampf gegen Läuse, Pilze, Schnecken, Mehltau, Wetterbedingungen, wie Frost usw. erinnert. All mein Bemühen, meine guten Absichten, mein Arbeit und Intelligenz reichen oft dennoch nicht aus, um eine Pflanze oder Früchte zu retten. Tod ist ständig um uns, wahrhaft, real, pragmatisch. Ohnmacht und Hilflosigkeit bleiben. Gefühle, die auch Angehörige von Sterbenden beschreiben, oft Sterbenden selbst. Unser Körper ist Natur. Und unterliegt auch diesen Gesetzen. Körper ist Materie. Diese formt sich, verändert sich, löst sich auf. Ein ständiger Wandel in Bewegung. Dieser Auflösungesprozess wird von Nuland eingehend beschrieben.

Immer wieder ertappe ich mich beim Lesen des Buches gedanklich ausreisen zu wollen, weg in schöne spirituelle Sichtweisen, Wunsch nach Engeln, Licht, Liebe und Frieden. Die geistige Dimension berücksichtigt Nuland nicht. Und trotzdem zieht mich das Buch in seinen Bann. Es ist wichtig, diese nüchterne Perspektive zu kennen, diese Reduktion auf das somatische Geschehen, das Wissen um die Endlichkeit des körperlichen und die Art der Auflösung. Ein Ende in Würde? – Ist der Untertitel des Buches.

Das Ziel des Lebens ist der Tod? Das Tao der Chinesen besagt, das Ziel ist der Weg.- Dieser Weg ist unser Leben hin zum Tod. Aus ars moriendi wird ars vivendi.

Es ist schon komisch, wie wir Menschen unser aller Ziel so gern aus dem Auge lassen und bestenfalls verdrängen. Würden wir anders leben, wenn wir alle Nulands Buch gelesen hätten?

Sherwin B. Nuland
Wie wir sterben. Ein Ende in Würde?
1996, Kauer Verlag, München

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