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Es geschah einmal, dass im Garten der schönen Frau Holle die Apfelbäume nicht mehr gediehen. Nun lebte aber unten auf der Erde eine alte Frau und deren Apfelbäume standen im Frühling in herrlicher Blüte und wenn der Herbst kam, senkten sich die Äste voll reifer Äpfel. Da sprach die schöne Frau Holle zu ihrem Liebsten, dem Junker Tod: „Reite hinab zur Erde und hole mir die Alte herauf. Sie hat nun lange genug auf der Erde gelebt und es wird Zeit, dass sie zu uns zurückkehrt.“

Und so ritt der Junker Tod hinab zu der Erde, klopfte bei der Alten und sprach zu ihr: “Du hast nun so lange auf der Erde gelebt und meine Liebste, die schöne Frau Holle will dich bei sich haben, denn in ihrem Garten gedeihen die Apfelbäume nicht mehr. Deshalb soll ich dich abholen, dass du sie dort pflegst.“

Nun hatte die Alte aber überhaupt keine Lust, die Erde jetzt schon zu verlassen, und sie sprach zum Tod: „Dann hab’ ich jetzt auch noch eine Bitte: lass uns noch einmal Karten spielen. Weißt du, ich habe am Kartenspiel immer eine Freude gehabt. Und wir machen es so, gewinne ich, dann musst du mich hier lassen, gewinnst du, darfst du mich mitnehmen.“ Der Tod war einverstanden und dachte, dass er die Alte im Kartenspiel leicht besiegen könnte. Er wusste aber nicht, dass das Haus der Alten an einer Heerstrasse lag, und die Alte immer mit den Landsknechten Karten gespielt hatte. Sie kannte alle Kniffe. Die Alte mischte die Karten und gewann. Der Junker Tod runzelte die Stirn und sprach: „Lass uns noch einmal spielen“. Dieses Mal mischte er die Karten. Aber siehe, wieder gewann die Alte, und der Junker Tod sprach: „Jetzt lasst uns noch einmal spielen!“ Die Alte erwiderte: „Gut, aber mehr als drei Spiele werden nicht gespielt. Das ist immer der Brauch. Ueber die Zahl drei gehen wir nicht hinweg.“ Also spielten sie das dritte Spiel. Wiederum gewann die Alte, und sie sprach zum Junker Tod: „Geh nur allein hinauf, was gehen mich die Apfelbäume deiner Liebsten an, mir gefällt es noch in meinem Garten und hier auf der Erde.“

So ritt der Junker Tod traurig hinauf in den Garten der schönen Holle. Als er nun allein kam, da zürnte diese mit ihm und sprach: „Du darfst so lange mein Lager nicht mehr mit mir teilen, bis du mir die Alte heraufgebracht hast.“ Nun kamen die zwölf Heiligen Nächte und der Junker Tod wusste, dass in diesen Nächten jedem die Türe geöffnet werden musste und sei es auch der grösste Feind. Und so setzte er sich nun auf sein Pferd und ritt wieder hinab zu der Alten und pochte an die Tür. Die Alte öffnete. Sie war jedoch nicht sehr erfreut, als sie den Tod schon wieder sah, aber was wollte sie machen, es waren die zwölf Nächte, und da musste ja jedem die Türe geöffnet werden. Der Junker Tod sprach: „In diesen zwölf Nächten hat jeder einen Wunsch frei, und so habe ich nun den Wunsch, setze dich hinter mich auf mein Pferd, reite mit mir bis zu der Gartenpforte meiner Liebsten und schau hinein. Und ich verspreche dir, wenn du nicht dort bleiben willst, werde ich dich wieder zurückbringen.“ Die Alte sprach: „Gut, ich kann dir diesen Wunsch nicht abschlagen, aber du musst es mir jetzt auch schwören, und du weißt ein Schwur, ein Eid in den zwölf Nächten ist zwölffach wert.“ Und der Junker Tod, der schwor, dass er sie wieder zurückbringen würde zur Erde, wenn es ihr nicht gefallen würde.

Die Alte setzte sich nun hinter den Tod aufs Pferd, und sie ritten hinauf in den Paradiesgarten. Dort öffnete der Tod das Tor einen Spalt und sprach: „Schau einmal hinein.“ Die Alte schaute durchs Tor, und da sah sie die schöne Holle und die hatte eine Krone auf aus lauter Sternen, und sie war umgeben von lauter schönen jungen Mädchen. Aber die Apfelbäume, die sahen kläglich aus. Da fragte der Junker Tod die Alte: „Wie gefällt dir denn der Garten, wie gefällt dir meine Liebste.“ „Ja, sie gefällt mir schon, aber siehst du, sie ist umgeben von lauter jungen Frauen, und schau doch mal an, wie alt und runzelig ich bin.“ Da sprach der Tod zu ihr: „Ja, weißt du denn nicht, wenn dich meine Liebste berührt, dann wirst du auch wieder jung und schön.“ „Ja,“ zürnte da die Alte, „weshalb sagst du mir denn das nicht gleich und lässt mich noch drei Mal mit dir Karten spielen.“ Und sie sprang hinein durch das Tor, die schöne Holle berührte sie, und da war die Alte wieder jung und schön geworden.

Dann aber machte sie sich an die Pflege der Apfelbäume, und seither gedeihen die Apfelbäume im Garten der Holle immer wunderbar.

Märchen aus Lothringen, ausgewählt und neu erzählt von Sigrid Früh
Quelle: http://www.maerchenstiftung.ch/maerchen_frauholles.html

Anmerkungen:

Neben dem Hauptthema Tod und Jenseits spielen der Paradisgarten und die Apfelbäume die herausragenden Rolle in diesem Märchen. Wer einmal vor einem Apfelbaum im Herbst gestanden hat, der voller reifer Äpfel hing, der kann sich der Magie dieses Bildes nicht erwehren. Die Früchte dieses Baumes sind ein Jungbrunnen, nicht nur physiologisch, sondern auch mythologisch und ebenso als spirituelles Symbolbild. Schon Iduna, die Göttin der Jugend und Unsterblichkeit, besaß als Inhaberin der magischen Äpfel in der nordisch germanischen Mythologie das Wissen über die Verjüngungskraft des Apfels. Und nicht nur die Menschen können sich am Apfel laben, um Gesundheit und Jugend zu erhalten, nein, auch die Götter sind darauf angewiesen, wie uns diese Mythen erzählen. Und so überliefert sich dieses Wissen auch nach der Christianisierung und der Verbannung des Baumkultes noch über die alten Märchen weiter bis in die heutige Zeit.

Interessant dabei ist, dass nach Aussagen von Biologen und Ethnobotanikern der Urapfelbaum lediglich der Holzapfel gewesen sein soll. Dieser aber ist klein, unattraktiv und vor allem sauer. Meine persönliche Meinung dazu ist, dass es schon sehr zeitig in der Menschheitsgeschichte Züchtungen von Äpfelbäumen gegeben haben muss, die große, schöne, saftig süße Äpfel trugen. Dies wäre auch eine gute Erklärung für den Sündenfall aus dem Paradies. Denn ein gezüchteter Apfel von Größe und Süße ist dem Eingriff des Menschen in die Natur geschuldet und somit als Sündenfall mit dem Rausschmiss aus dem Paradies bestraft. Die Schlange, als das Symbol des kalten berechnenden Verstandes wäre damit identifiziert. Die gesamte Alchemie, in ihrer Urintension, der Veredlung der unfertigen Materie zu göttlichem Gold durch menschliche Hand, ist eine Wissenschaft, die sobald mit dem Prinzip des Eigennutz verbunden und von egoistischen Motiven berührt, zum Teufelswerk wird. Ich kann diese meine These nicht belegen, aber bei genauem Hinsehen, dreht sich vieles in der Welt des symbolisch mythologisch spirituellen Ansatzes um den Wettkampf zwischen Gut und Böse, zwischen Ego und Selbstlosigkeit, zwischen Machbarem, Ethik und Moral.

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