Wenn der Tod eine Maske trägt Teil II

Maskenpflicht in aller oder vor aller Munde

Wer nicht lesen möchte, kann hier hören.

Schon lange vor „Corona“ (die Beschreibung eines eigenen Zeitalters- so wird es in die Annalen eingehen, wie die „Spanische Grippe“) hatte ich in den Medien Menschen mit Mund-Nasen-Schutz gesehen. In Arzt-Filmen zum Beispiel oder in Dokus über Intensivstationen in Krankenhäusern. In Filmen/Dokus über Krieg und Chemiewaffenangriffe gab es Menschen mit Atemschutzmasken.

Aber auch in Beiträgen über Asien. Dort liefen Leute im Alltag mit Maske auf der Straße herum. Komisch mutete mich das an. Ich attribuierte es mit der schlechten Luft, Smog in den Großstädten Japans und Chinas. Einsichtig, war es mir nie. Denn wie schmutzig muss es außerhalb einer Maske sein, damit man bereit ist den eigenen Atem“schmutz“ wieder einzuatmen? Eine erste eigene Erfahrung habe ich dann beim Schleifen eines alten Schrankes gemacht. Unmengen von Farb- und Holzstaub, deutlich sichtbar, flogen durch die Luft, genau vor meiner Nase. Da besorgte ich mir eine Handwerkermaske aus dem Baumarkt und arbeitete damit. Ich fühlte mich tatsächlich etwas geschützt, vor der Partikelbelastung in der Luft, musste aber immense Einschränkungen meiner Atmung in Kauf nehmen. Denn in der Maske war es feucht, warm und unangenehm. Ständiges japsen nach mehr Luft und Unterbrechungen meiner Arbeit, um abseits ohne Maske dann doch schnell ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen und das Gefühl von Sauerstoffversorgung zu bekommen. Trotzdem hatte ich abends beim Ausschneuzen viel Schmutz in der Nase. Und es war eine freie Entscheidung, wann und wie ich diese Maske trug.

Zu Beginn der „Corona-Krise“ in den Medien tauchten viele Bilder aus Asien auf. Die Menschen trugen wieder ihre Masken. Für mich kein Grund für eine Beunruhigung, denn ich wusste dies gehört dort irgendwie zur Kultur bzw. ihrer Art mit dem verschmutzten Alltag umzugehen. Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass eine Regierung von mir verlangt, und das unter Strafandrohung, solch einen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen. Doch genauso kam es. Zuerst die Abstandsreglungen. Das war für mich einsichtig. Gleichzeitig Informationen über Hygieneregeln, niesen in die Armbeuge, Händewaschen etc. Auch dazu konnte ich mit einem inneren Ja antworten, obwohl der einsetzende Desinfektionswahn, mir schon etwas überzogen vorkam. Die Schließung von Geschäften und die Absage von allen Veranstaltungen war für mich zu der gegebenen Zeit nachvollziehbar, gekoppelt an meiner Erwartung, in maximal zwei bis drei Wochen, wenn die Ansteckungswelle kontrolliert und Daten verfügbar sind, wieder zur Normalität zurück zu kommen. Doch weit gefehlt. Die Daten lagen vor, die Ansteckungswelle ist kontrolliert und dann kam die Maskenpflicht. Zuerst in Bahn und Nahverkehr.

Jetzt hatte es mich erreicht. Die politische Entscheidung berührte mich, sie betraf mich mit einer Anordnung. Zunächst war das Tragen der Masken noch relativ freiwillig. Ein Appell an die „Vernunft“. Ich spürte sofort den Konflikt in mir. Was ist passiert? Es gibt so viele Konventionen in unserer Gesellschaft: ich sollte bei Rot an der Ampel stehenbleiben, mit dem Auto muss ich es auf alle Fälle, ich muss Steuern zahlen, auf Arbeit gehen, an einer Kasse in einer Schlange warten, mich an viele Regeln halten usw. Und all das habe ich im Großen und Ganzen bis jetzt auch bereitwillig akzeptiert. Doch diese Anordnung hat für mich eine andere Qualität. Sie löste bei mir sofort inneren Widerstand aus. Mein erster Gedanke, ich bekomme nichts mehr zu essen, wenn ich diese Maske nicht tragen möchte. Es war ein ganz kurzer existentieller Moment.

Die vorgelegten Zahlen des RIK stehen meiner Meinung nach im Widerspruch zur Anordnung der Maskenpflicht zu diesem Zeitpunkt. Und hier an dieser Stelle entfaltet sich ein interessantes psychologisches Phänomen.

Es entsteht Stress! Bemerkbar durch Spannung, sogar muskuläre, das heißt messbare Spannung, zum Beispiel als Hautwiderstandsmessung ablesbar, der Organismus regelt sich in einen Kampf/Flucht-Zustand. Innerlich wahrnehmbar werden Symptome wie Druck, Unruhe, vermehrte Gedanken, Gedankenkreisen, Nervosität, Verkrampfungen von verschiedenen Muskelgruppen, ggf. Blutdruckerhöhung etc., je nachdem wie stark der Konflikt für die einzelne Person ausgelöst wird. Der Mensch hat drei Verhaltensweisen zur Verfügung, um sich aus einer individuellen, aber mit allen körperlichen Symptomen einhergehenden Stresssituation zu befreien. Angriff, Flucht oder Totstellen. Was glauben Sie, welche ist für den Organismus am günstigsten? Welche am ungünstigsten?

Falls Angriff und Flucht möglich sind, sind dies günstige Varianten, die zwar einen hohen akuten Energieeinsatz benötigen, aber zu einer recht schnellen Reorganisation und in der Folge zu einer zügigen Entspannungsreaktion des Organismus führen. Fatal, bis gesundheitsschädlich ist Variante 3, das Totstellen oder Aushalten. In diesem Fall bleibt der Konflikt, zwischen der von außen kommenden Anforderung und dem inneren Widerspruch, erhalten. Die Symptome können sich chronifizieren und sogar längerfristig zu gesundheitlichen Problemen führen. Nun kann man argumentieren, dass es solche Konflikte täglich gibt: Termindruck auf Arbeit, delegierte Aufträge vom Chef, die Einen überfordern, Haushalt-Kind-Arbeit unter einen Hut bekommen usw. Ja das stimmt und genau da kann man sich auch schauen, in welcher Art und Weise wir Menschen auf diesen Stress antworten. Mit Flucht oder Angriff? Also mit einem klaren „Nein“ zu Termindruck? Mit dem Verlassen einer schädlichen Situation, z.B. Wechsel der Arbeitsstelle? eher doch wohl nicht. Zumindest nicht in der Masse.

Totstellen und Aushalten von schädigenden Stresssituationen ist ein Mechanismus, der schon zeitig im Kindheitsalter erlernt wird. Eigene wichtige Bedürfnisse werden nicht wahrgenommen aufgrund der Anpassung an das System, sei es Familie, Schule, Staat. Zappeln im Unterricht bedeutet Strafe, Bummeln beim morgendlichen Weg zur Kita wird durch die berufstätigen Eltern unterbunden, spielen im Kaufhaus ist untersagt, alles anfassen, z.B. Stoffe, Lebensmittel befühlen, riechen usw. ist unerwünscht. Ausschlafen am Morgen geht nicht, auf Toilette während des Unterrichts, nur in Ausnahmefällen, essen oder trinken im Unterricht unmöglich. Aber das ist nur der Anfang. Der lange Weg von Geburt bis zu einem guten sozialisierten Menschen in unserer Gesellschaft ist ein langer Weg der Unterdrückung und „Maskierung“ vieler unserer eigenen Bedürfnisse.

Angriffsverhalten können wir erleben, in der Schulverweigerung oder wenn Kinder aggressives Verhalten zeigen. Andere versuchen zu flüchten, regredieren in frühkindliches Verhalten, einnässen, weinen, Apathie. Aber der größte Teil versucht sich irgendwie anzupassen, totzustellen, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle unmerklich zu machen. Dazu gibt es einen psychologischen Trick. Man verleugnet, verdreht, verdrängt, intellektualisiert, projiziert usw. Schon Sigmund Freud hatte dies erkannt und eine große Zahl an Mechanismen beschrieben, mit denen sind der Mensch versucht aus einer konflikthaften Situation zu befreien, wenn Angriff und Flucht nicht gelingen. Bei S. Freud wird es als Überich (Moral) und ES (Bedürfnis) Konflikt beschrieben, der eigentlich mit einem starken ICH (Vernunftinstanz) aufgelöst werden sollte. Wenn dies nicht gelingt, stehen dem ICH alternativ diese oben beschriebenen Abwehrmechanismen zur Verfügung. Wenn der Mensch diese erfolgreich anwendet, in den allermeisten Fällen zu 99% unbewusst, also die Realität, verleugnet, verdreht oder verdrängt, bleibt er gesund. Gelingt dies aber nicht, entstehen Ängste, die so groß werden können, dass sie die Existenz des Individuums bedrohen. Auch Gefühle von Ohnmacht, Schuld, Scham, Wut, Hass können ins Bewusstsein treten. Das ist dann der sogenannte „Schatten“ den viele Menschen noch nicht integriert haben und so diese unangenehmen Gefühle gern aus dem Bewusstsein heraushalten. Jetzt kann man schon eine Ahnung von der Dimension der Abwehr der Realität bekommen. Andere Psychologen, wie Carl Rogers z.B. sehen den Konflikt zwischen dem Selbstbild der Person und den Anforderungen des Organismus. Zum Beispiel denke ich über mich selbst: ‚Ich bin nicht faul, sondern leistungsstark‘ usw. Aber mein Organismus möchte Ruhe und schlafen. Diesem Bedürfnis komme ich nicht nach, muss die Realität ebenfalls verleugnen und verzerren: ‚Die Akten müssen fertig gemacht werden, es geht nicht anders, es geht nicht ohne mich‘. Wieder andere sehen es vom Standpunkt des Stresses, zum Beispiel Kaluza mit seinem sehr gut ausgearbeiteten Ampel-Stressmodel. Aber jeder von ihnen schaut nur von einer anderen Seite auf den gleichen Elefanten im Raum und erkennt so einen anderen Aspekt des Ganzen. Schluss endlich ist es immer der gleiche Elefant.

Schauen wir uns das mal am Beispiel meines Maskenkonfliktes an. Erste Anweisung: Maske in den öffentlichen Bahnen und Bussen tragen erwünscht. Meine erste Reaktion war: ‚Ich fahre nicht mit den Öffentlichen‘ es betrifft mich nicht. Abwehrstrategie: Verdrängung, ggf. auch Fluchtverhalten. Das hat meinen Stress reduziert, ich konnte der Situation ausweichen. Neue Anweisung: Mund-Nasen-Schutz in Lebensmittelgeschäften tragen, ohne Maske kein Brot, keine Butter oder ein erhebliches Bußgeld.

Jetzt entstand ein starkes Gefühl der Bedrängnis und Frustration: Ich komme nicht mehr an mein Ziel, nämlich entspannt einzukaufen. Ärger entsteht: Ich lasse mir den Mund nicht verbieten. Ich lasse mich nicht bevormunden. Ich habe keine Einsicht in diese Anweisung, weil die Datenlage nicht zur Anweisung kompatibel ist. Ich fühle mich von fremden Menschen bevormundet. Ich fühle mich in meiner Entscheidung und in meiner Freiheit massiv eingeschränkt. Wut und Ärger sind die Energie für den Angriff: Doch es war keine Strategie für einen Angriff vorhanden? Die Verkäuferin attackieren? Pöpeln? Hier entsteht eine hoch brisante psychologische Situation. Wenn psychische Energien in Form von Ärger und Wut freigesetzt werden, dann wollen, müssen sich diese entladen. Oft trifft es Unschuldige, den Partner, die Kinder, das Haustier oder doch die Verkäuferin. Die Alternative ist, der Ärger richtet sich gegen sich selbst. Alkohol, übermäßige Tabletten, rauchen etc.

Die gefühlsmäßige Dimension ist mir durch körperliche Symptome sehr deutlich bewusst. Den meisten Menschen lediglich diffus. Dennoch stellt eine derartige Situation einen mehr oder weniger starken Stress dar. Der Organismus muss dieses hormonell, muskulär, vegetative Geschehen wieder in sein Gleichgewicht zurückführen. Jeder wendet seine passende Strategie an. Oft höre ich: „Für die 30min Einkauf setzte ich eben schnell die Maske auf, das ist doch nicht so schlimm, draußen kann ich sie ja wieder absetzten“. Schlimm ist es nicht, wenn ich mit der Maßnahme im Einverständnis bin. Wenn ich aber einen moralischen Konflikt habe und deshalb nicht einverstanden bin, dann relativiere ich mein Bedürfnis. Eine Relativierung (auch ein Abwehrmechanismus um emotionale Dimensionen zu verkleinern) meines Bedürfnisses, ein Abwehrmechanismus, von Kindheit geübt; Es ist doch nicht so schlimm. Wie schlimm es für die einzelne Person ist, muss jeder für sich selbst herausfinden.

Wo ist die Grenze, wo ist der Punkt in uns, an dem wir das „Erwachen“, welches heute in aller Munde hören, in uns spüren. Wann ist es denn so schlimm? Wenn man die Oma nicht mehr im Pflegeheim besuchen darf und sie einsam stirbt? Ist das schlimm genug? Oder gelingt der Abwehrmechanismus, Verdrängung; das betrifft mich ja nicht, ich habe keine Oma im Pflegeheim. Wann fühlt es sich schlimm an? Wenn Polizisten eine Frau auf den Asphalt drücken mit dem Gesicht und die Hände auf dem Rücken in Handschellen legen? Fühlt sich das schlimm an? Oder ist das richtig, da diese Leute ja eh alle nur Spinner, Verschwörungstheoretiker, Nazis sind? Ist das eine Verleugnung der Realität, um den eigenen Ängsten zu entgehen?

Hier nochmal ein paar dieser Abwehrmechanismen, die alle! eine Veränderung der Wahrnehmung der Realität bewirken und insgesamt überwiegend nicht bewusst erlebt werden. Sie sind dafür da, um innere Konflikte zu lösen. Dies sind nur Beispiele auf die aktuelle Situation bezogen.

Verleugnung: Das war so nicht! Das habe ich nicht gesagt! Ich habe etwas anderes gesehen.

Verschiebung: Ich würde so gern meine Eltern besuchen, darf ich nicht, dafür tue ich der Nachbarin etwas Gutes.

Projektion: Ich möchte die Maske nicht tragen, trage sie trotzdem und bin ärgerlich auf den, der die Maske nicht trägt. Der Ärger, meine Wut, meine Angst auf mich, da ich etwas gegen meinen Willen zugunsten einer aus meinen Augen moralisch nicht gerechtfertigten Anweisung tue, wird auf das Gegenüber projiziert. Er macht es falsch, wird angezeigt. Das ist eine Möglichkeit, wie Denunziantentum entsteht.

Konversion: Austragen von körperlichen Symptomen: Niesanfälle im Supermarkt unter der Maske, Kopfschmerzen mit Maske (Können neben psychischen auch medizinische Ursachen sein! CO2), Schwindelgefühle

Introjektion: Auffassungen, Einstellungen, Moralvorstellungen werden ungeprüft übernommen, um Ängste zu reduzieren. Der Virologe vom RIK hat recht!

Rationalisierung: Rechtfertigung von Bedürfnissen mit vernünftigen Gründen. Ich will keine Maske tragen. Auch Ärzte sagen, dass Maskentragen zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Oder: Einsamkeit ist notwendig, weil gesundheitliche Gefährdung Isolation erfordert.

Revision: Die Verkehrung ins Gegenteil. Z.B. Ein Pädophiler setzt sich für Kinderrechte ein.

Reaktionsbildung: Das Gegenteil vom Bedürfnis wird umgesetzt. Erinnert ein wenig an das Stockholm-Syndrom: Ich liebe meine Peiniger! Oder: Ich bin übertrieben freundlich zum Chef, obwohl ich ihn eigentlich nicht mag. Aber wenn ich das sage, bekomme ich Ärger.

Regression: Rückzug auf eine frühere Entwicklungsstufe. Z.B. Ich kläre oder stelle mich meinen Problemen, meinen Bedürfnissen nicht, sondern manipuliere  mit kindlichen Methoden, z.B. bockig sein, schmollen, weinen usw.

Sublimierung: Das Bedürfnis ist nicht zugelassen, nicht erwünscht und ich sublimiere, ersetzte es mit einer sozial erwünschten Leistung. Z.B. Ich möchte keine Maske tragen, muss aber, also nähe ich mir eine besonders schöne attraktive selbstgemachte Maske und bekomme Anerkennung.

Ungeschehenmachen: Man tut so, als ob etwas nicht so war. Z.B. Ich hatte doch die Maske auf (erst schnell aufgesetzt als Wachmann hingeschaut hat).

Verdrängung: Bedürfnisse werden nicht mehr erkannt, ins Unbewusste abgedrängt. Z.B. Man sieht den Ärger des anderen. Die Person aber behauptet steif und fest nicht ärgerlich zu sein, nimmt seinen Ärger nicht mehr wahr.

Dies sind nur ein paar Kostproben. Vielleicht findet sich der eine oder die andere darin ja wieder. Fakt ist, dass wir alle! Ausnahmslos diese Abwehrmechanismen benutzten. Es geht um die Abwehr unerträglicher Gefühle, sprich: unseres Schattens.

Kurzfristig entlasten uns diese Mechanismen von Stress und inneren Konflikten. Langfristig angewandt führen sie immer zu Fehlentwicklungen.

Sich der Sachlage und der emotionalen Lage zu stellen heißt: sich so gut wie möglich zu informieren, das eigene Bedürfnis zu respektieren, die eigenen moralischen Grundwerte zu schätzen und für sich selbst anzunehmen, alle damit im Zusammenhang stehenden Emotionen und Gefühle zu akzeptieren und anzuschauen, fließen zu lassen, z.B. Wut, Trauer, Ohnmacht, Resignation, Ängste usw. hochkommen lassen und sich selbst darin neu zu erkennen. Ich selbst habe in dieser Situation meine eigene Feigheit wieder gespürt. Das ist nicht schön, aber notwendig. Denn auch wenn ich es vermeide in Läden zu gehen und nun den Online Lebensmitteleinkauf für mich ausprobiere, so gibt es doch Situationen, wo ich es nicht vermeiden kann (z.B. Post). Und da erlebe ich mich selbst, wie ich den Schal um Mund und Nase wickle, gleichzeitig Wut bekomme, grimmig schaue und nur deshalb, weil ich feige bin. Ohne den Schal habe ich Anfeindungen bekommen von der Verkäuferin und meine Reaktion in ebensolcher Rückfeindung beobachtet. Ein zwischenmenschliches Verhalten, welches für mich selbst unakzeptabel ist, aber durch meine innere Anspannung und Ärger mit ausgelöst wurde.

Fazit: Die Erhöhung der innermenschlichen und zwischenmenschlichen Spannung, Frustration, Konflikte, in Bezug auf Stress, ist eine der auffallendsten psychologischen Auswirkungen, der diktatorischen Anordnungen und Isolationsbemühungen der Regierung. Dies äußert sich vor allem in unkontrollierter Ableitung von Ärger und Wut z.B. auf Demonstrationen. Trotzdem werden diese Menschen wahrscheinlich gesünder durch die Krise kommen, als die, die ihre Spannungen und Konflikte autoaggressiv verarbeiten. Organische Schäden sind zu erwarten, Drogenkonsum in allen Formen absehbar.

Ich muss aber noch ein wenig weiter. Denn auch die Gruppendynamik spielt bei der psychologischen Sichtweise eine außerordentlich wichtige Rolle. Wir glauben oft selbst, ein starkes Individuum zu sein. Die Werbung suggeriert uns wie individuell wir sind, wenn wir ein bestimmtes Deo verwenden oder ein bestimmtes Auto kaufen. Doch weit gefehlt. Das ist Betrug. Wir sind soziale Wesen, in allererster Linie. Wenn der Alltag harmonisch verläuft, geordnete Verhältnisse im Land sind und eine gewisse Freiheit lebbar scheint, gibt es wenige Probleme. Doch wenn sich der eigene Wille/Wunsch nicht mehr mit dem Narrativ der Masse deckt, dann kommen wir alle in große Diskrepanzen. Der Druck der Massen, des Systems ist ein starkes Element und kann bei Ausschluss aus der Gruppe bis zum psychogenen Tod führen. Die soziale Gruppe ist Lebensgrundlage. Je spezialisierter die Gesellschaft ist, umso abhängiger ist das einzelne Individuum von der Gruppe.

Gehen Sie mal nicht mehr einkaufen, woher nehmen Sie dann ihre Lebensmittel? Können Sie allein für Strom, Kleidung, Wohnung, Sicherheit sorgen, wenn die Gesellschaft Ihnen das Geld entzieht? Oder stellen Sie sich in die Schlange beim Lebensmitteldiscounter und setzte keinen Mund-Nasen-Schutz auf. Und wer jetzt sagt, es würde ihm nichts ausmachen, der hat gute Abwehrmechanismen. Gruppendruck ist das derzeit am meisten strapazierteste Element, um diese gesamte Corona Krise aufrechtzuerhalten. Und dieser Gruppendruck basiert auf den oben erwähnte Abwehrstrategien, die die meisten von uns geübt und erfolgreich anwenden, um ihre eigenen Spannungen zu reduzieren, in einer Umgebung von zunehmendem Chaos, Unsicherheit und existenziellen Sorgen. Dieses Gebräu ist ein explosiver Zündstoff für weitere Eskalationen.

Noch ein Gedanken zu den Masken. Schon viele Jahre beschäftige ich mich mit Masken. Dies im therapeutischen Sinne. Mit einer bestimmten Intension sich selbst eine Maske zu bauen und diese dann zu spielen, ist eine höchst effiziente therapeutische Methode für Einzel- aber im Besonderen auch für Gruppentherapie. Dabei werden innere Anteile in der Vorbereitung gesucht, z.B. meine Angst, mein Zweifel, meine Wut, meine Sucht usw. und diesem inneren Anteil wird dann mit der Maske ein Gesicht gegeben. Nach dem Erstellen der Maske wird diese gespielt. Entweder der Therapeut setzt sie auf oder der Klient selbst und es kommt zu einem Zwiegespräch. Das ist therapeutisch sehr wertvoll. Aus dieser Arbeit heraus kenne ich das Gefühl hinter einer Maske zu agieren bzw. sich mit dieser Rolle zu identifizieren. Ich bin die Angst, ich bin der Zweifel, ich bin meine Wut etc. Das ist sehr heilsam.

Doch neben der Identifikation mit dem Anteil von mir, wenn ich die Maske trage, tritt gleichzeitig auch ein anderer Anteil von mir in den Hintergrund. Ich kann mich also auch dahinter verstecken. Und die Erkenntnis dieses Phänomens ist ein gewaltiges. Denn Masken tragen wir alle. Auch ohne Maske. In der Astrologie gibt es dafür zwei Faktoren, die dieses Phänomen recht gut beschreiben. Das Tierkreiszeichen am Aszendenten symbolisiert die Eigenschaften, mit denen ich auf die Welt zugehen. So wirkt eine „Jungfrau“ nach außen eher korrekt, vernünftig, rational usw. Ein „Stier“ wirkt sehr charmant, bodenständig, lange friedlich, etwas schwerfällig im Kontakt, handwerklich, musisch. Eine „Waage“ kann sich nie entscheiden, scheint etwas flatterhaft, aber modisch, adrett, auf äußere Schönheit bedacht usw. Das Sonnenzeichen jedoch spricht unsere innere Energie aus, mit der wir das Leben meistern. So ist ein „Steinbock“ eine zähe ehrgeizige Person. Mit einem „Zwilling“ am Aszendenten, wirkt sie aber auf den ersten Blick eher unstetig und sprunghaft. So hat die Astrologie schon immer zwischen der Wirkung auf das Umfeld und die aufsteigende Kraft der Lebensprozesse unterschieden.

Und auch der Sonnyboy, der uns immer sein frohes Lächeln zeigt, ist allein in seiner Wohnung vielleicht depressiv. Wir sind es gewohnt in unserer Gesellschaft Masken zu tragen. Psychologische Masken. Wir verstecken unsere Gefühle, diese sind unangemessen im Alltag. Wir weinen nicht vor anderen, das ist Schwäche. Wir beherrschen unseren Ärger und Kontrollieren die Gefühle. Damit kontrollieren wir auch die Situation. Denn wenn ich mich in einem Gefühlsausbruch zeige und zusammensinke, entsteht ein Raum von Chaos. Energie schüttet sich aus, gewohnte Abläufe brechen zusammen. Besonders bei Tod, Trauer ist dies zu beobachten. Damit kann unsere Gesellschaft, sprich, wir Menschen, nicht umgehen. Kontrolle und Ordnung, Maskierung unseres wirklichen emotionalen Zustandes ist die Grundlage unseres Systems. Vertrauen, Chaos, Loslassen ist kaum möglich. Diese Kontrolle bezahlen wir mit vielen depressiven Menschen, mittlerweile auch Kindern.

Nur einmal im Jahr, beim obligatorischen Jäckentreiben zu Fastnacht, da wird das Ausmaß von Kontrolllosigkeit sichtbar. Doch lange nicht mehr in diesen ausgiebigen Exzessen, wie noch zur Heidenzeit beschrieben, wird der Karneval gefeiert. Die Tarnung hinter der Maske, hat enthemmende Wirkung.

Ich habe darüber nachgedacht und mir auch bewusst diesen Schal um Mund und Nase gewickelt, bis unter die Augen. Nach einer kleinen Weile kam noch ein Gefühl in mir auf. Neben dem Widerstand, konnte ich einen kurzen Moment von Macht und eben die oben benannte Kontrolle erleben. So wie ein Gangster beim Bankraub. Ich kann dich sehen, du weißt aber nichts von mir. Du kennst mein Gesicht nicht. Ich kontrolliere dich. Ich verstecke mich, bin für dich unsichtbar. Ich kann mich dadurch der Verantwortung für mein Tun entziehen.

Und noch ein letzter Gedanke zum Thema Maske fiel mir ein. Die islamische Verschleierung der Frau. Von außen hatte ich bisher immer nur Unterdrückung und Verhüllung der Frau durch maskuline patriarchalische Interessen sehen können. Doch durch das aktuelle Thema pulsiert, hat mich eine andere Überlegung dazu befallen. Könnte es denn nicht auch durchaus ein Überlegenheitsgefühl für eine islamische Frau sein, wenn sie mich so „nackt“ dastehen sieht und ich sie aber nicht erkennen kann? Aus der Deckung eines Niqab oder einer Burka heraus die Welt zu betrachten (so weit das geht) ist auf eine besondere Weise sicher. Ich kenne mich zu wenig mit dieser Kultur aus, um beurteilen zu können, welche Gefühle die Frauen haben, in ihrem eigenen Land und auch im Aufenthaltsrecht oder in der Einbürgerung in christlichen Ländern. Doch je offener und nackter ich mich körperlich, seelisch und geistig zeige, umso verletzbarer und verwundbarer bin ich.

Die Maske ist ein Symbol für das heutige Weltgeschehen und wird in späteren Zeiten ebenso als Symbol für die Gefährlichkeit und Dramatik der Pandemie von 2020 stehen. Am wenigsten aber als Schutz gegen die minikleinen Viren, so sagen es viele Mediziner.

Und natürlich gibt es sehr viele Menschen auf der ganzen Welt, die all diese Maßnahmen begrüßen, und damit konfliktlos durch die Krise schippern. Sie erkennen einen Sinn für sich im Handeln der Regierungen und erleben die Maßnahmen als gerechtfertigt. Ich glaube das sind die meisten von uns. Doch mehr und mehr spüren in ihrem eigenen moralischen Wertesystem, dass irgendetwas nicht stimmt. Es ist sehr schmerzhaft, seinem eigenen Schatten zu begegnen, Einstellungen, Meinungen, Ideen, Ansichten und ggf. sogar die ganze Weltanschauung hinterfragen zu müssen. Das dies oftmals nur durch einen besonders hohen Leidensdruck möglich wird, ist aus psychologischer Sicht verständlich.

Denn nicht umsonst heißt es für einen verantwortungsvollen, bewussten Menschen: Gesicht zeigen! Und das gilt in der heutigen Situation ganz besonders.

Ich habe einen sehr interessanten Artikel vom 18.05.2020 entdeckt aus der nzz.ch. bei dem es mittlerweile über den gesundheitlichen Aspekt hinausgeht. Coronavirus und Maske: die Mode entdeckt ein neues Accessoire, so sein Name. Mit sehr ambivalenten Gefühlen habe ich diesen Artikel gelesen und möchte in meinen Lesern auch nicht vorenthalten. Viel Spass beim Lesen

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2 Kommentare. Leave new

  • Liebe Liane Tiet-Müller, das ist wirklich sehr mutig! Wirklich! Ich war in der Apotheke und auch dort trugen die beiden Verkäuferinnen keine Maske. Ich war überrascht und sehr erfreut. Auf meine Fragen antworteten sie nicht, lächelten aber sehr freundlich und dieses Lächeln, unverhüllt ist das, was uns Menschen auf eine sehr schöne Art verbindet.
    Danke für den Kommentar und vielleicht kann man ja Ihren Salon weiterempfehlen. Wenn Sie mir die Adresse geben, gern über Email: kontakt@privatpraxis-sperling.com würde ich dies gern tun. LG Ines Sperling

  • Liane Tiet-Müller
    21. Mai 2020 19:26

    Ich zeige auch in der heutigen Zeit gerne Gesicht. Ich bin manchmal so energiegeladen, dass ich andere, vor allem ältere Menschen anspreche und ihnen sage, wie gesund die frische Luft ist. Viele Menschen sind dankbar, dass ich die „ Verantwortung übernommen habe. Ich freue mich auch, denn es sind wieder ein paar Maulkorbträger weniger. Wir MÜSSEN mutig sein und einfach Leute „ anquatschen. Ich habe einen Friseursalon und bei mir muss und soll niemand Maulkorb tragen. …. LG

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