NOKAN- Die Kunst des Ausklangs

Dieser Film ist ein MUSS für alle Menschen, die sich mit Tod und Sterben beschäftigen. Wenn Menschen sterben, dann wissen wir nicht, wo sie hingehen, ob es noch etwas danach gibt oder was immer geschieht. Aber eines wissen wir mit Sicherheit. Das der Verlust eines geliebten Menschen tiefe Wunden in die eigene Seele reißt und der Schmerz fast unerträglich ist. Aus diesem Grunde sind wir bemüht, alles was mit Tod und Sterben zu tun hat zu meiden. Nichts soll uns an diesen Schmerz erinnern, der uns unserer eigenen Vergänglichkeit und Begrenztheit hier auf der Erde bewusst werden lässt.

Deshalb hat sich unsere Gesellschaft in den letzten 100 Jahren auch dramatisch gewandelt und mit ihr auch die Sterberituale. Der Verstorbene wird nach seinem Tode vom Beerdigungsinstitut abgeholt und ggf. aufgebettet. Ein Abschied in der Familie findet nur noch selten statt. Aber gerade dieser Abschied, ist das wichtigste Element im Todesprozess. Denn zum einen wird dadurch die Realität des Todes deutlich und gewiss und zum anderen wird durch das Ritual der Mensch in einer würdigen Form aus dem Leben entlassen und auf seine weitere Reise vorbereitet.

Wir feiern jeden Geburtstag ausgiebig und pompös, aber dem Menschen einen menschenwürdigen Abschied zu bereiten sind wir oft nicht wirklich in der Lage. Dabei braucht es keine großen materiellen Leistungen, die wir gern vorschieben (teure Särge und Grabsteine usw.), sondern einfach nur das zwischenmenschliche Miteinander. Wir wissen nicht, ob die Seele des Menschen weiter lebt, aber wenn es so ist oder auch nicht, auf alle Fälle ist die Art des Umgangs mit dem Menschen auch nach seinem Tode, wie sie in diesem Film dargestellt wird, eine einfache, aber so tiefgreifende emotionale Erfahrung, die für alle Betroffenen versöhnend und heilsam wirkt.

Daigo, ein junger Mann(Masahiro Motoki), der gern Karriere in einem Tokioer Orchester gemacht hätte, wird in seinen Lebensträumen enttäuscht und kehrt zurück in seinen Heimatort. Dort kommt er per „Zufall“ zu einem Bestatter, der sich auf Abschiedszeremonien spezialisiert hat. Am Anfang ist der Widerstand seelisch wie körperlich und das Hadern mit dem Schicksal deutlich zu spüren. Doch recht schnell erkennt der junge Mann die Chance und die Wichtigkeit seiner Arbeit, die er dann gegen jeden Angriff, auch aus der eigenen Familie verteidigt.

Ein Film, der zu Beginn, die emotionale Entwicklung nicht ahnen lässt. Gerade die Japaner, eher etwas reserviert in ihrem Gefühlsausdruck haben mit diesem Film ein Meisterwerk emotionaler Tiefe und einen hervorragenden Beitrag zur Wiederentdeckung unserer menschlichsten Bedürfnisse nach Verbindung, Liebe und Gemeinsamkeit, geleistet. Die Kraft eines Abschiedsrituals für die Heilung der Seele und einen gelungenen Abschied von einem lieben Menschen wird durch den Regisseur  Yojiro Takita in seinem Meisterwerk von Musik, ausdrucksstarken Bildern und durch die Sensibilität der Schauspieler hervorragend in Szene gesetzt. Die Wirkung geht weit über den persönlichen Rahmen der Geschichte des Protagonisten hinaus.  Auch wenn die Mentalität der japanischen Kultur am Anfang des Filmes für unser Gemüt doch etwas gewöhnungsbedürftig erscheint, so verschwindet dieser Fakt sehr schnell hinter der Darstellung des universellen Charakters vom Umgang mit dem Tod über die Kulturen hinaus. Denn auch ohne einen konkreten Anlass in Bezug auf Sterben oder Tod zu haben, so berührt dieser Film doch die Sehnsucht aller in uns auf einen würdigen Abschied im Kreise unserer liebsten Familienangehörigen. Er baut Ängste ab und vermittelt ein Bild von Langsamkeit, Achtsamkeit und Respekt gegenüber dem Tod und dem Leben. Ein Stück menschliches Kulturgut, welches ich mir wünsche, dass es wieder auch in unseren Breiten wiederentdeckt und praktiziert wird.

NOKAN -Die Kunst des Ausklangs
Ressigeur Yojiro Takita
2008 Depatures Film Partners

NOKAN

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