Die Sterbeamme – Initiation

Die Sterbeamme –  Initiation

Seit Jahren schon geistert sie mir im Kopfe herum. Die Todin, die mich ab und zu knickst und stupst und mir ins Ohr flüstert, komm, hab keine Angst vor mir, ich will dich lehren.

Aber meine Angst und alle Befürchtungen waren so groß, dass ich nur sehr langsam ihr zu folgen begann. Erst ein wenig Literatur, dann die Anmeldung zum ehrenamtlichen Hospizkurs, die noch ein Jahr verschoben, mich dann doch näher und näher in den Bann dieser großen Göttin führte. Damals hieß die Todin auch noch für mich der Tod und das Bild eines dunklen schwarzen Gesellen, mit Knochenskelett und schwarzem Umhang, eben das Klischee, waren in meinen inneren Bildern abgelegt. Wie ich die Todin entdeckte, erzähle ich in einer anderen Geschichte.

Die Ausbildung war theoretisch, das störte mich sehr, und die praktische Arbeit in einem Seniorenheim oder auch im häuslichen Umfeld führte mich zu sehr kranken aber doch eben sehr lebendigen Menschen mit viel Leid und Entbehrungen. Die Todin sah man dort eher selten, denn scheinbar wollten sterbende Menschen diese Erfahrung nicht gern teilen, besonders nicht mit ehrenamtlichen Hospizmitarbeitern. Mehrmals wöchentlich ging ich zum Besuch um genau dann, wenn der Tod den Menschen in Empfang nahm zu Hause vor dem PC oder bei einer anderen privaten Tätigkeit zu sein.  Das befriedigte meine Neugier und mein Interesse nicht. Als unbezahlter Unterhaltungskünstler war mir meine Zeit dann doch zu schade. Aber einmal, bei einer Dame, die ich schon über drei Jahre begleitet hatte, hat mich die Todin eingeladen ihrem Tun beizuwohnen.

Sterben ist manchmal ein langer Prozess, manchmal sogar Jahre lang. So war es auch bei Frau Wolf. Gerufen wurde ich bei einer existenziellen Krise der liebenswürdigen aber eher etwas dickköpfigen Dame, die sich scheinbar von der Gesellschaft zurück zog und mit ihrem Leben abgeschlossen hatte. Sie sprach mit niemandem mehr und verweigerte auch ihr Essen. Aufgrund meiner Ausbildung schien ich prädestiniert sie am Ende ihrer Tage zu begleiten. Doch es geschah etwas anderes. Sie erholte sich gut, drehte die Richtung und wandte sich mir und dem Leben wieder zu. Sie genoss  meine Besuche und auch ich lernte die alte Dame mehr und mehr schätzen und mögen. Ihre Natur war stark und widerstandsfähig, eine Eigenschaft, die es der Todin nicht einfach machte, sie zu sich zu nehmen.

Mehrere Krisen, schwere medizinische Komplikationen forderten das Gesundheitssystem, welches auf die Erhaltung des Lebens spezialisiert ist und so gelang es Frau Wolf sich wieder und wieder der Todin zu entziehen. Dabei weiß ich noch nicht einmal ob dies ihr Ziel war? Da es außer mir niemanden mehr gab in ihrem Leben, der sie noch an die Erde fesselte, war mir ihr Kampfgeist ein Rätsel. Vielleicht war es Angst oder einfach nur die Unfähigkeit loszulassen, von dem was eh nicht mehr lebenswert war, sondern zunehmend menschenunwürdig. Schon lange vor dem endgültigen Finale erzählte sie mir von Träumen und Visionen von ihrem Umzug in eine neues Haus, von dem freudigen Wechsel, weg von den widrigen Umständen ihrer derzeitigen Realität.

Doch es gab scheinbar zwei Seelen ihn ihrer Brust. Die eine, der ein Abschied willkommen und gefällig war und die andere, die wie ein Kaugummi an diesem desolaten gesundheitlichen sowie sozialen Zustand klebte. Dieser innere Kampf war sichtbar und rief mein tiefstes Mitgefühl auf den Plan. Die Einstellung Leben zu verlängern, um JEDEN Preis, ein umfassendes gesellschaftliches Paradigma knebelte nun  Frau Wolf und zwang sie in einen Kerker von Bettlägerigkeit, einkoten, gewindelt  und gefüttert werden, um am Ende in vollständiger Entmündigung als Pflegefall noch Monate in 15 qm Einsamkeit gefangen gehalten zu sein.

Frau Wolf war Krankenschwester, Oberschwester eines bekannten Krankenhauses in Berlin, 45 Jahre lang; kompetent und geschätzt. In besseren Zeiten zeigte sie mir Bilder ihrer Jugend, ihrer beruflichen Tätigkeit, die ihr einziges Lebenszentrum war, nachdem ihr Verlobter kurz vor ihrer Hochzeit schwer erkrankte und zeitig verstarb. Neben mäßigem Alkohol versuchte sie Lebensfreude  zu erlangen mit Schokolade, Pralinen und viel Kuchen, jeden Tag Kuchen. Eine Diabetes schlich sich in ihren Körper  und führte nun zu diversen Verschlimmerungen und Todeskeimen in ihrem stark übergewichtigen Körper.

Ich betete um ihre Erlösung.  Sie ertrug ihr Leid mit stoischer Geduld. Eine Perspektive, die man noch nicht einmal einem Tier zumutet, welchem man zur Erlösung des Leidens den Gnadenschuss gibt. „Bitter“, „Galle-Bitter“ ist das rechte Wort, um den Zustand der alten Dame auch sensorisch zu erfassen. Ich betete weiter, weiter und weiter vielleicht mit dem Erfolg, dass die therapeutischen Maßnahmen eingedämmt worden und eine palliative Medizin ihren Zustand erträglicher machte, für sie und auch für die pflegenden Helfer.

Und dann kam der ersehnte Tag. Schon früh am Morgen verschlechterte sich ihr gesundheitlicher Zustand zusehends, und die finale Phase des Sterbens begann. Ein Ringen konnte man beobachten, Lebenskräfte gegen Todeskräfte. Ein Hin und Her zwischen den Welten. Mal schien sie entrückt, dann wieder ganz zugewandt. Die Atmung ging schwer, ein ständiges stundenlanges rasseln und röcheln durchdrang den Raum. Ich saß an ihrem Bett, streichelte ihre Hand, die Stirn, sie wusste, sie war nicht allein. Ich summte viele Melodien um ihren wilden Rhythmus zu beruhigen, doch es half nichts. Die Todin musste sie reißen, ihr Lebenswille war unermesslich. Nach 8 Stunden war ich total erschöpft, ausgelaugt, verspannt und todesmüde. Ich verließ sie spät in der Nacht, um selbst wieder Kraft aufzutanken. Nur drei Stunden schlief ich und schnell fuhr ich am nächsten Morgen wieder zu ihr.

Die Kerze brannte vor ihrem Zimmer, der Bestatter war unterwegs, der Arzt gerade gegangen. Eine Zeit für sie und mich allein. Ich betrat das Zimmer, dessen Atmosphäre noch immer von dem nächtlichen Kampf des vergangen Tages zeugte. Doch Frau Wolf war still geworden. Eine friedvolle Ruhe umschwebte ihren großen Körper, der noch mit offenen Mund und halbgeschlossenen Augen starr auf dem Bett lag, Zeugnis des  zehrenden Kampfes. Niemand hatte ihr die Augen geschlossen. Niemand hatte ihr den Mund geschlossen. Doch die Güte der Todin war spürbar, sie hatte Frau Wolf in ihren Armen und wiegte sie wie ein Kind. 15 min im Raum mit einer Toten. Keine Träne, sondern ein Gefühl von Glückseligkeit, von einem nun doch endlich geglückten Loslassen, eines natürlichen und notwendigen Übergangs. Ein Dank, dass sie mich hat teilhaben lassen an ihrem  Schwellenübertritt und ein Gruß in die andere Welt.

Tief berührt sitze ich vor dem Seniorenheim auf einer Bank, beobachte die Krähen, die dort scharenweise auf der Wiese hocken und warten bis eine Seele ihren Weg in die andere Welt antritt. „Gute Reise“ wünsche ich ihr und lasse noch ein Weilchen diese Begegnung in mir nachklingen.

I.S.

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