Der Tod – der große Fürst

Die Begegnung mit dem großen Fürst

Wo bin ich als ich erwache?

Souterrainwohnung, tief unten. Licht scheint durch einen Spalt eines kleinen Fensters und spiegelt sich auf der blank geputzten Fläche der Hängeschränke oberhalb der Küchenzeile. Möbel stehen im Halbschatten, ihre Umrandungen lassen ein gemütliches Wohnzimmer mit großen Ohrensesseln erahnen.  Auf einem von ihnen sitzt ein etwas dicklicher Mann im fortgeschrittenen Alter. Sein Gesundheitszustand ist morbid, seine Haltung drückt diese kränkliche Stimmung aus. Er jammert die ganze Zeit und schaut dabei oft auf seine Hände. Sie sind geschwollen, scheinen zu schmerzen und geben ihm Anlass zur Sorge.

Mehrere Frauen helfen ihm bei der Hausarbeit. Eine steht im Lichtstrahl bei der Küchenzeile und spült das Geschirr. Eine andere macht sich weiter hinten, am Ende es Raumes nützlich, legt Wäsche, sortiert und ordnet. Weitere Personen befinden sich im Raum, der sich noch weit in das Dunkel erstreckt und die Anwesenden versteckt.

Es gibt mehrerer solcher Untergrundwohnungen, alle verbunden mit Gängen und Türen, die offen sind. Menschen laufen hin und her. Ich gehe durch die Gänge. Außer ein paar kleinen elektrischen Lampen an den Wänden gibt es kaum Licht. Neben mir höre ich die Stimme einer Frau. Sie sagt, man müsse hier unten aufpassen, denn leicht könne es sein, das ER hinter einem steht.

ER? Ein leichter Schauer läuft mir über den Rücken. In meiner Phantasie erscheint ein schwarz gekleideter Mann mit schwarzem Zylinder, die Sense, die er trägt, hält er versteckt. Ist das ER. Ich spüre, wie eine Spannung mich elektrisiert und wacher werden lässt. Meine Sinnesorgane sind spitz, die Aufmerksamkeit gerichtet in den dunklen Raum.

Ich komme erneut in das Zimmer des kränklichen Mannes. Die Frauen sind noch da, ein Blick von mir zur Küchenzeile zeigt mir den vertrauten Anblick. Die eine trocknet jetzt das Geschirr und räumt es in die Hängeschränke.  Eine andere beschäftigt sich im Dunkeln des Raumes mit Aufräumarbeiten. Weitere Menschen sind hier, Männer und Frauen, die dem älteren Mann Gesellschaft leisten. Es ist eine leise dämmrige Unruhe hier. Alle gehen ihrer Beschäftigung nach, nehmen keine Notiz von mir.

In diesem Moment spüre ich etwas hinter mir, dicht. Reflexhaft drehe ich mich rechts um meine eigene Achse nach hinten. Ein gut aussehender Mann steht direkt hinter mir, dicht, körperdicht. Ich trete einen Schritt zurück, um ihn überhaupt wahrnehmen zu können.  Da ist ein eleganter weißer Anzug, perfekt geschnitten, der Figur maßgeschneidert angepasst. Diese ist athletisch, durchtrainiert, seine Statur, aufrecht, edel, würdevoll. Ich schaue ihn an, ins Gesicht. Seine Zähne blinken weiß , scheinen absolut gesund. Sein Alter ist schwer zu schätzen, er wirkt zeitlos; jugendlich seine Ausstrahlung. Seine gerade Haltung hat etwas von adliger Selbstverständlichkeit und seine Größe passt perfekt zur gesamten Erscheinung. Ein Gentleman, wie er im Buche steht, perfekt bis zu den Haarspitzen. Seine Präsenz strahlt Ruhe und Klarheit. Neben ihm taucht noch ein Mann auf. Wesentlich jünger und kleiner in seiner Statur. Seine Haare reichen ihm bis in den Nacken, leicht gewellt. Sein Gewand hebt sich stark gegen das moderne Outfit des Eleganten ab. Es wirkt eher altertümlich in einem zarten beige, wallend und verziert. Der jüngere Mann scheint der Begleiter zu sein.  Ich weiß sofort und frage: Bist du der Tod? In diesem Moment verändert sich für wenige Augenblicke sein Gesicht. Der Ansatz der Zähne und die Augenlider werden leichenblau, wie von Totenblässe gefärbt. Die Konturen verziehen sich in einem Bruchteil einer Sekunde zu einer totenkopfähnlichen Grimmasse. Doch schneller als ein Wimpernschlag hat sich das Schauspiel auch schon wieder verzogen. Alles sieht aus, wie gerade eben. Elegant, würdevoll, perfekt in der Erscheinung. Die Antwort auf meine Frage ist präzise und glaubhaft. Ein „JA“ hätte mich niemals so, wie diese Verwandlung  zufrieden stellen können. Der Fürst steht neben mir! Eine Begegnung, die ich mir seit langem aufs innigste gewünscht hatte, aber niemals geglaubt, dass es möglich ist. Welche hohe Ehre für mich, als Lebende, IHN persönlich sehen zu dürfen. Der junge Mann spricht die Worte: „Ja, wir sind die Schnitter.“ Und diese Worte erfüllen den Raum mit der Gewissheit, sie sind nicht wegen mir gekommen.

Der dickliche kränkelnde Mann hat sich nun auf die andere Seite seines Zimmers begeben und bastelt an etwas Metallischem. Ich frage IHN, ob er mit mir einen Tee trinken würde. Freundlich und wie selbstverständlich nimmt er meine Einladung an. Ich reiche IHM das Teeglas und er nimmt sich Milch. Wir stehen am Küchentisch, der Jüngere sitzt. Noch immer benommen vom Eindruck dieser Begegnung versuche ich, dass was gerade passiert zu begreifen. Es gelingt mir nicht, also gebe ich mich in die Situation und genieße die Anwesenheit von IHM. Ich frage, ob die anderen im Raum IHN und den jüngeren Mann auch sehen können. Er verneint. Lediglich ein Mann weiter hinten, ahnt seine Anwesenheit. Doch für mich ist ER sehr real und wirklich. Nichts unterscheidet IHN von einem Menschen in seiner Erscheinung, wäre da nicht diese unglaublich starke sphärische Präsenz, eine Ausstrahlung von Sicherheit, Würde und Gewissheit, die alles übersteigt, was Menschen an Sicherheit und Vertrauen geben können.

ER ist zurückgelehnt, entspannt, trinkt den Tee und mir mit seiner ganzen Aufmerksamkeit zugewandt. Seine Bewegungen wirken beruhigend auf die nervöse Stimmung im Raum, die zunehmende Unruhe des kränklichen Mannes, der mehr und mehr mit hastigen Bewegungen an seiner Apparatur herum hantiert. Es sieht aus wie ein überdimensionales Schild, auf das er metallische Spitzen zur Abwehr montiert. Auch er spürt die Anwesenheit von IHM. Und sein Tun nimmt an Intensität zu.

Nur mit einem kurzen Blick misst ER die Situation und lächelt in ruhiger Gewissheit und Sicherheit. ER weiß was zu tun ist. ER ist hier, wegen des dicken Mannes und ER hat Geduld. Ein Gefühl von bedingungsloser Liebe erreicht mich. Ich spüre die Klarheit, mit der ER seine Arbeit verrichten wird. Es ist seine Arbeit, seit Menschenbeginn und ER ist dabei fehlerlos, perfekt und allumfassend liebevoll.

Der dicke Mann wirtschaftet weiter an seinem Gerät, voller Panik.

Der Fürst trinkt Tee und unterhält sich mit mir. Ich frage den jüngeren Mann wer er ist. Er sagt, er ist ein verstorbener Mensch, hatte Familie, zwei kleinere Kinder. Er sei froh mit IHM zu arbeiten. Dann bittet ER darum, dass langsam die Anwesenden den Raum verlassen sollten. ER sagt, sie sollen lieber gehen, da die Angelegenheit nicht so angenehm werden wird. Und ich verstehe. Der dicke Mann ist nicht bereit. Er wird sich widersetzen wollen. Der Fürst weis genau was zu tun ist und wird es auch tun, wenn möglich schnell, konsequent und liebevoll. Der dicke Mann will es nicht glauben und wird tun was er tun muss. Der dicke Mann hat keine Chance, doch irgendwie glaubt er an seinen überflüssigen Widerstand. Er hat es noch nicht verstanden, nicht das Leben und auch nicht den Tod.

Und ich?, frage ich IHN. „Ich komme gewiss zurück, auch zu dir. Jetzt noch nicht, erst später“, antwortet er mir. Ich schaue IHN an und frage, ob er dann mit mir tanzen würde. ER lächelt wissend und sagt mit einer sehr liebevollen Geste, “ Aber ja, sehr gern.“

Ein Traum?

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