Tibetisches Totenbuch

Leben zwischen den Welten

Was passiert wenn wir den letzten Atemzug ausatmen? Unserer westlichen Meinung nach sind wir dann tot. Der letzte Atemzug scheint wie ein Fixpunkt zu sein, zwischen zwei völlig konträren Zuständen. Einen Atemzug davor gab es noch einen lebendigen Menschen, eine Person, mit Rechten und Pflichten in einer Gesellschaft. Einen Atemzug danach, ist diese gesamte Situation verändert. Um 180 Grad. Ab diesem Moment ist für uns keine Person mehr vorhanden, lediglich ein toter Körper, der noch entsorgt werden muss. Dass es ab diesem Zeitpunkt keine Person mehr gibt, zeigt sich besonders deutlich an der Thematik der Organspende. Noch sterbende Körper werden rigoros ausgeweidet. Die Begründung dafür ist: Wenn man den Hirntod zweifelsfrei (was immer auch zweifelsfrei bedeutet, wird an anderer Stelle diskutiert)festgestellt hat, existiert kein Bewusstsein mehr. Diese materielle Einstellung geht von der Annahme aus, dass das Gehirn das Bewusstsein produziert. In dem Moment, wo das Gehirn nicht mehr arbeitet, sprich keine EEG Aktivität mehr messbar ist, kann auch kein Bewusstsein mehr funktionieren. Ein folgenschwerer Denkfehler?!

Dies scheint ein fataler Irrtum zu sein, zumindest wenn man den Weisheitslehren anderer Kulturen und Völker folgt. Gerade bei der Durchsicht der Literatur zum tibetischen Buddhismus ist festzustellen, dass dort sehr wohl ein den Tod überdauerndes Bewusstsein postuliert wird; und zudem noch in genauster Beschreibung der Vorgänge und Abfolgen des Prozesses im Augenblick des Todes, in der Zeit nach dem Tod bis hin zu einer Wiedergeburt. Dieses Thema wird in einer Präzision und Deutlichkeit beschrieben, dass einem Europäer das Staunen kommen sollte und sich ggf. wenigstens ein paar Zweifel  über die hier übliche Umgangsweise mit den Organen Hirntoter aufkommen sollten.

Schaut man sich diese Schriften etwas näher an, so wird ein Geist/Bewusstsein beschrieben, welches die Grundlage für ständig wiederkehrende Zyklen von Leben und Sterben darstellt. Wiedergeburt ist lediglich ein Abschnitt dieses Kreislaufes. In der buddhistischen Lehre wird  der gesamte Zyklus als eher leidvoll beurteilt, durch das Wiedererleben von Krankheit, Alter, Tod und das Ziel der menschlich/geistigen Entwicklung  ist die Erleuchtung. Dabei handelt es sich um ein Licht, welches nahe dem Todeszeitpunkt sehr klar und deutlich auftritt und in welches man ggf. eintreten kann. Um dieses Licht aber zu erkennen und darin aufzugehen, braucht es meditative Übungen schon zu Lebzeiten. Durch eine Anzahl von Hindernissen ist es den meisten Verstorbenen nicht möglich, sich in dieses Licht hineinzubegeben.  Ihr Geist irrt körperlos durch die Zwischenwelten und wird von geistigen Visionen und Projektionen gepeinigt. Am Ende bleibt nur die Flucht in eine erneute Wiedergeburt. Solche Hindernisse können z.B. neurotische Schleier sein oder aber auch Unwissenheit oder schlechtes Karma (Einstellungen und Lebensweisen des Verstorbenen, die eine Auswirkung auf seinen Geist und damit auch auf zukünftige Handlungen haben). Der ganze Prozess der Wanderung durch die Zwischenwelten dauert mindestens 49 Tage und kann sich bis zu neun Monaten ausweiten.

Aber es gibt auch Hilfen im Buddhismus, um diesem Fluch zu entkommen. Eine Hilfe stellen die Weisungen des Tibetischen Totenbuchs dar. Dieses wurde erst im 14. Jahrhundert wieder gefunden, nachdem es im 8. Jahrhundert von Padma Sambhava auf der Grundlage von indischen Lehren niedergeschrieben wurde. Darin wird sehr detailliert beschrieben, was in der Zeit zwischen Tod und Wiedergeburt geschieht und mit welchen Visionen sich der verstorbene Mensch herumschlagen muss. Explizit wird auf die Klarheit des Geistes nach dem Ableben eingegangen. Klarheit im Sehen und Hören, aber scheinbar auch im Fühlen und in der Bewertung von Erscheinungen und Visionen. Auch kann man lesen, dass der gestorbenen Mensch sehr wohl auch noch seine Verwandten erkennen kann und sie auch hört. Allerdings ist diese Wahrnehmung einseitig, denn eine Kontaktaufnahme mit den Hinterbliebenen ist nicht möglich. Der verstorbene Geist bleibt die ersten Tage auch noch in der Nähe seines alten Körpers und damit in der Nähe des Hauses.

Zu dieser Zeit ist es sinnvoll, dass berufene Hinterbliebene, meist selbst meditativ Geschulte oder Lehrer aus dem Totenbuch lesen. Damit bekommt der Verstorbene Weisung und einen Reiseführer durch die Zwischenzustände. Er wird durch diese Weisungen des Tibetischen Totenbuches durch die drei Bardos des Todes geführt. Diese Bardos stehen immer für einen speziellen Zwischenzustand. So gibt es das Bardo des Augenblicks des Todes, das Bardo des Dharmata, welches traumähnliche Inhalte vorhält und das Bardo des Werdens, welches bedingt durch das Karma in einer neuen Geburt endet.

Der vorherrschende Inhalt des ersten Bardo, des Augenblick des Todes, beschäftigt sich mit dem Prozess des Ablebens, dem bewussten Übergang vom Leben in den Tod und das langsame Loslassen des materiellen Körpers über Tage nach dem letzten Atemzug. Vom Aufleuchten des klaren hellen Lichts wird dort und auch in hiesigen Nahtoderzählungen berichtet und beschrieben. Dieses Licht repräsentiert nach tibetischer Lehre die Reinheit und die wahre Natur unseres eigenen Geistes. Eine Vereinigung mit diesem Licht führt den Verstorbenen zur Erlösung, heraus aus dem Zyklus von Leben, Tod und Wiedergeburt. Die Weisungen des Totenbuches zielen in jedem Bardo und an jeder Stelle auf diese Erlösung hin. Denn ist dieses erste Licht einmal verloschen, so kommen weitere, dann aber farbig kräftige Lichtvisionen auf den Geist zu, die so hell strahlend sein sollen, dass man sich davor fürchten kann. Mahnungen des Totenbuches weisen den Weg hin zum Licht und damit zu dessen Symbolen, den gütigen Gottheiten. Im 2. Bardo erkennt der körperlose Geist dann mehr und mehr das er nicht mehr am Leben ist und muss sich mit dieser Situation auseinandersetzten. Die Projektionen seines Geistes stehen vor ihm und er hat die Möglichkeit sich davon zu distanzieren, indem er sie als solche erkennt.  Auf der anderen Seite kann er sie aber als schöne oder grausame Realität wahrnehmen und sich damit selbst tiefer und tiefer in seinem Karma verstricken. Bei diesen Visionen handelt es sich laut der Lehre um gütige oder rasende Gottheiten, die zum Teil in männlicher oder weiblicher Symbolik auftreten, aber auch als ganze Familien daherkommen. Sie verführen den Gestorbenen entweder mit süßen verlockenden Szenarien oder schrecken ihn mit Gewalt und Aggression. Beides entspringt dem Geist des Verstorbenen. Dies zu erkennen wäre seine Rettung. Hat er bis zum Ende des 2. Bardo seine Erleuchtung nicht erreicht, kommt er ins dritte Bardo, ins Bardo des Werdens und kann entsprechend seines Karmas sich einen Ort für die Wiedergeburt auswählen. Auch die Eltern werden von ihm gewählt. Aber auch hier gilt, je besser man dieser ganzen Situation bewusst ist, umso besser gestaltet sich die Wiedergeburt auf einer höheren Ebene. Denn neben einer menschlichen Geburt ist für die Buddhisten auch die Geburt als Tier, als Gott oder Höllenwesen möglich.

Insgesamt ist das Totenbuch ein sehr ausgefeiltes System von Versen und Gebeten, welches jeder Mensch, völlig unabhängig von seiner Herkunft oder seinem Geldbeutel ausführen kann und bei entsprechendem Glauben auch ausführen wird. Es ist neben anderen kultischen Handlungen ein wichtiger Bestandteil der Fürsorge für den Sterbenden und Verstorbenen.  Diese Vorgehensweise steht im konträren Gegensatz zu unseren verarmten Ritualen am Lebensende der modernen Zeit. Neben einer unbedingten Lebenserhaltung um jeden Preis, versucht man dem Tod auszuweichen, ihn zu ignorieren, auf Kosten des Sterbenden. Die mangelnde Sorge um den Sterbenden und Toten gipfelt in der profitgierigen Ausschlachtung von noch warmen Menschenleibern.

Nahtodforschungen lassen eine gewisse Ähnlichkeit in den Beschreibungen der Betroffenen mit dem Tibetischen Totenbuch erkennen.  Die Erkenntnisse des Totenbuches wurden überwiegend von buddhistischen Yogis und Lamas bestätigt, die durch langjährige Meditationen es schafften, fast körperlose Zustände zu erreichen, sei es in wochenlangen Aufenthalten in völlig dunklen Höhlen, oder in Versenkungen bei denen körperliche vegetative Prozesse fast abgeschaltet werden können. Außerdem bestätigen Aussagen von Kindern (besonders in Indien und im buddhistischen Raum), dass es Reinkarnation oder Wiedergeburt gibt.  Interessante Untersuchungen dazu hat z.B. Ian Stevenson, kanadischer Professor (1918-2007) in fast 3000 Fällen gesammelt und veröffentlicht.

http://www.zeit.de/1948/10/tibets-totenbuch

Das Totenbuch der Tibeter, Hrsg. F. Fremantle, Ch. Trungpa, 2015. 3.Aufl., Verlag Diedrichs, München

 

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